30 May 2026

Humanismus light? Karmeliterpredigten und -reden des 15. Jahrhunderts und ihr Einfluss auf die civitas

Ralf Lützelschwab

Abstract
Medieval sermons of Carmelite provenance are exceedingly rare. Until recently, only a single example was known; that number has now grown to approximately 400. These sermons not only address issues central to the everyday life of urban society but also offer important insight into the Carmelites' sense of identity and mission. It is important, however, to make a distinction. While fifteenth-century Carmelite sermones largely conformed to prevailing conventions, their orations, that is, 'addresses' or 'speeches', clearly surpassed contemporary standards through their remarkable rhetorical sophistication and refinement. – In the fourteenth century contributions to this genre were still subsumed under the term sermon and only gradually did the distinction in naming come into use. – The excellence of Carmelite orationes is best exemplified by several composed by the order's most prominent humanist, Battista Spagnoli da Mantova (†1516).

Einleitung

[1] Innerhalb der Ordensgeschichte werden die Karmeliter unter der Rubrik 'Bettelorden' subsumiert, ein Phänomen des 13. Jahrhunderts, das vor allem mit den beiden zentralen Gestalten Dominikus von Caleruega und Franz von Assisi in Verbindung gebracht wird. Zu den Franziskanern und Dominikanern, die sich 1209 respektive 1216 gründeten, gesellten sich einige Jahrzehnte darauf Augustinereremiten und Karmeliter.

[2] Die Klöster der Karmeliter und die Niederlassungen der anderen Bettelorden prägten die spätmittelalterliche Stadttopografie. Zunächst waren es Franziskaner und Dominikaner, die durch erfolgreiche Seelsorge weitreichenden Einfluss auf die Bevölkerung ausübten. Etwas später traten die Karmeliter hinzu. In ihren Konventen lebten sie zwar vergleichsweise abgeschlossen, wirkten mit ihrer Pastoral aber klar nach außen. Nicht allen Bettelorden gelang es gleichermaßen gut, die Balance zwischen eigenen spirituellen Bedürfnissen und der Pastoral, zwischen kontemplativer Zurückgezogenheit innerhalb und aktivem Tun außerhalb des Klosters zu halten.

Karmelitische Ursprünge

[3] Zu den Bettelorden, denen dies nicht in allen Belangen glückte, gehörten die Karmeliter, Mitglieder einer zu Beginn streng eremitisch ausgerichteten Gemeinschaft, die an den Hängen des Berges Karmel nahe Akkon, also im Heiligen Land, lebte und um 1210 vom Patriarchen von Jerusalem, Albert von Vercelli, eine erste forma vitae (noch keine Regel) erhielt.1 Vor muslimischem Druck mussten die Karmeliter ab den 1230er Jahren in den Westen ausweichen. Sie siedelten anfangs auf Zypern und in Süditalien, um sich dann in ganz Europa auszubreiten.2 Damit gab es einen Orden mehr auf der europäischen Landkarte, freilich einen mit einem Alleinstellungsmerkmal: Kein anderer Orden verfügte über eine derartige Migrationsgeschichte. Mit diesem Pfund ließ sich im westlichen Kontext jedoch nicht wuchern. Man blieb lange Zeit fremd. Ein weiterer Punkt erschwerte zusätzlich das Ankommen in der Realität der westlichen Kirche: Es fehlten sowohl eine Gründungspersönlichkeit als auch ein Gründungsmythos, aus dem sich so etwas wie eine karmelitische Identität hätte gründen lassen. Albert von Vercelli war kein Franz von Assisi. Den Mythos musste man somit konstruieren ‒ und tat dies mit Rückgriff auf den alttestamentlichen Propheten Elias durchaus erfolgreich. Hatte nicht Elias in enger Beziehung zum Berg Karmel gestanden?3 Durch den Rückbezug auf alttestamentliche Zeiten wurden die Karmeliter unversehens zu dem mit Abstand ältesten Orden der Christenheit. Das Wissen um die eigenen Ursprünge galt es jetzt nach innen und nach außen zu verbreiten und zu verteidigen.

[4] Auf einer soliden Basis aus Geschichte und Tradition aufbauend, geschichtliche Legitimität ex nihilo schaffend, konnte in einem weiteren Schritt die neue, vom Papst oktroyierte raison d'être des Ordens, Pastoral im städtischen Kontext, in Angriff genommen werden. Aus Gottsuchern eremitischer Prägung4 wurden in Gemeinschaft lebende Mönche, die vita contemplativa wurde durch eine vita activa, durch apostolisches Wirken gemäß den Evangelien ersetzt. Und Teil der Pastoral war die Predigt. Im 14. Jahrhundert liest sich diese Entwicklung wie folgt: "Item hic [Honorius III.] emendavit Regulam fratrum beatae Mariae de monte Carmeli voluitque eos in civitatibus habitare et praedicare".5 In Städten sollten sie leben und predigen – ein größerer Bruch mit der Tradition war für die Karmeliter kaum vorstellbar.

[5] Zugegeben: Karmeliter waren die 'zu spät Gekommenen', diejenigen, die ihren Platz in der Ordenswelt des Abendlandes und an den Universitäten erst noch finden mussten. Innozenz IV. war derjenige, der die Eremitenkongregation mithilfe einiger zwischen 1245 und 1247 expedierter Bullen in den Kreis der Bettelorden einfügte.6 Dieser Akt forcierter Integration garantierte das Überleben der Gemeinschaft.

[6] Der Einzug der Karmeliter in die Städte begann 1247. Hatte die originäre forma vitae eine Ansiedlung in eremis favorisiert und eine "logique de tentation érémitique" begünstigt,7 wurde diese Verfügung im Zuge der von Innozenz IV. betriebenen Abmilderung der Regel modifiziert. Eine Ansiedlung in Städten war nun nicht nur möglich, sondern wurde aktiv gefördert. Dabei erklärt sich der Weg in die Stadt zunächst vor allem aus der Notwendigkeit heraus, in Kontakt zu möglichst vielen Menschen zu treten, waren sie es schließlich, die durch ihre Almosen zum Unterhalt der Brüder maßgeblich beitrugen. So intervenierte etwa der Generalprior der französischen Karmeliter im Jahr 1320 bei Papst Johannes XXII. zugunsten von zehn Ordenshäusern, die lediglich in der weiteren Umgebung von städtischen Agglomerationen lagen und deshalb, so der Generalprior, ungeeignet waren, um "bequem von den Einwohnern erreicht werden zu können".8 Weitere Gründe bewogen die Karmeliter, sich neu innerhalb der Stadtmauern anzusiedeln beziehungsweise bestehende Konvente dorthin zu verlagern: Es war insbesondere der Schutz, der intra muros geboten wurde.9 Generell bevorzugten die Karmeliter die kleinen Städte, was ihre Präsenz in den städtischen Machtzentren jedoch nicht ausschloss.10 Was sich hier wie ein ohne Mühen bewerkstelligter Prozess liest, war in Wahrheit ausgesprochen konfliktbehaftet, denn nicht alle Ordensmitglieder waren mit dieser neuen Entwicklung einverstanden, die als vom Papsttum beförderter Angriff auf das ursprünglich eremitisch ausgerichtete Ordenscharisma gedeutet wurde.

[7] Als die Karmeliter in Europa endlich Fuß gefasst hatten, war den 'großen Brüdern' (Franziskaner und Dominikaner) eine Verankerung in den Städten schon längst gelungen. Ordensgeistliche hatten Zulauf und konnten in ihrer Pastoral Erfolge in einem Ausmaß verzeichnen, das den Neid der in traditionellen kirchlichen Strukturen verankerten Weltgeistlichkeit hervorrief, ja hervorrufen musste. Karmeliter taten sich naturgemäß schwerer damit, unmittelbar an Franziskaner und Dominikaner anzuschließen. Ihre Wirksamkeit blieb anfänglich beschränkt.11 Gelehrte vom Schlag eines Thomas von Aquin oder Bonaventura brachte der Orden nicht hervor – und wenn humanistisch geprägte Karmeliter wie Battista Spagnoli da Mantova auf Thomas, vorrangig aber auf die Denkschule des Thomismus Bezug nahmen, dann geschah dies in den allermeisten Fällen ausgesprochen kritisch.12 Obwohl die Karmeliter an den Universitäten präsent waren, gelang die Etablierung einer eigenen theologischen Denkschule nicht.13 Dass dies zumindest im Bereich des Möglichen gelegen hätte, erweist der Blick auf den zweiten der 'kleinen' Bettelorden, die 1256 aus einem Zusammenschluss unterschiedlicher italienischer Eremitengruppen entstandenen Augustinereremiten. Am Übergang zum 14. Jahrhundert gelang es Gelehrten dieses Ordens wie etwa Egidius Romanus oder Augustinus Triumphus, über eine Fülle von politischen Traktaten, mit denen die Stellung des Papsttums gegenüber der weltlichen Macht gefestigt wurde, schulbildend zu wirken und enormen Einfluss auszuüben.

[8] Dies alles sollte indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass Karmeliter primär in mittelgroßen Städten bedeutende Aufgaben in der Seelsorge übernahmen. Dafür mussten sie auf Wissensbestände zurückgreifen – an Ordensschulen oder Universitäten erworbenes, in den eigenen Bibliotheken abrufbares Wissen. Die Rekonstruktion mittelalterlicher Bibliotheksbestände der Karmeliter gestaltet sich zwar schwierig, neuere Untersuchungen zu den Konventen in Mainz und Straubing demonstrieren aber eindrücklich, wie viel Material den Orden in ihren Bibliotheken zur Verfügung stand. Den Löwenanteil bildeten dabei Predigten, Predigtsammlungen und Praedicabilia, das heißt Werke, die für die Vorbereitung von Predigten Verwendung finden konnten.14 Denn eines gilt für Karmeliter ebenso wie für alle anderen Bettelorden: Ihre Existenz gründete in einer Pastoral, die ausgesprochen predigtbasiert war. Und in diesen Predigten fand sich, zugeschnitten auf den jeweiligen Rezipientenkreis, sehr viel Unterschiedliches: ausführliche Erläuterungen komplexer theologischer Sachverhalte und auf christlicher Moral basierende Aufforderungen zu einem gottgefälligen Lebenswandel ebenso wie die (für die Sozial-, Geistes- und Wirtschaftsgeschichte so wertvolle) Erwähnung von Vorkommnissen im hic et nunc der Zuhörerschaft. Abstrakt-Theologisches verband sich mit Konkret-Praktischem.

[9] Die Dominikaner etwa heißen nicht zufällig "Predigerbrüder".15 Für die Zeit des späten Mittelalters sind Hunderttausende von Predigten überliefert, die nachweisbar aus dem Milieu der Bettelorden stammen. Man wird es apodiktisch so ausdrücken dürfen: Predigten sind die mit Abstand größte Quellengruppe, die aus dem Mittelalter auf uns gekommen ist.16

Karmeliterpredigten

[10] Dieser Befund ließe eigentlich auch eine überzeugende Ausbeute an überlieferten Predigten karmelitischer Provenienz erwarten. Dem ist jedoch nicht so. In Johann Baptist Schneyers epochalem Repertorium der lateinischen Sermones des Mittelalters findet sich lediglich eine einzige Predigt verzeichnet, die zweifelsfrei einem Karmeliter zugewiesen werden kann.17 Die im März 1333 vom Bischof von Terralba auf Sardinien in Avignon gehaltene Predigt ragt sicherlich nicht aufgrund literarischer Qualitäten aus dem mare magnum mittelalterlicher Predigten hervor. Überliefert wurde sie wohl deshalb, weil sie erstens in der päpstlichen Kapelle vor Pontifex und Kardinälen gehalten wurde und zweitens thematisch im Streit um die visio beatifica zu verorten ist – ein komplexes theologisches Problem um die "Schau der Seligen", das Anlass zu mit großer Schärfe geführten Kontroversen gab.18 Es erstaunt, dass diese magere Überlieferungsbilanz nicht schon sehr viel früher in der Forschung Skepsis hervorgerufen hat. Denn aus Chroniken wissen wir, dass Karmeliter gepredigt haben, aus Rechnungsbüchern erfahren wir, dass sie als Prediger auf ihrem Weg von und zu ihren Zuhörern Wegegelder erhielten. Bereits in den Konstitutionen von 1281 wird all denjenigen Karmelitern das Predigen untersagt, die dazu nicht eine ausdrückliche Beauftragung durch den Generalprior oder das Provinzialkapitel vorweisen konnten.19 An diesen Befunden ist nicht zu rütteln. Leider fehlen Hilfsmittel zu karmelitischen Autoren, die sich den Arbeiten von Thomas Kaeppeli für die Dominikaner oder von Adolar Zumkeller für die Augustinereremiten ebenbürtig an die Seite stellen ließen.20 Immerhin liegt mit Richard Copseys 2020 erschienenem Biographical Register of Carmelites in England and Wales seit Kurzem ein Werk vor, das für einen der Kernräume karmelitischer Präsenz in Europa die prosopografische Wirklichkeit erschließt.21

Traditionsverlust? Kritik an der Entwicklung des Ordens

[11] Nikolaus "der Franzose", Nicolaus Gallicus, Generalprior des Ordens, machte in einer Brandrede, einer bezeichnenderweise Ignea sagitta (Der brennende Pfeil) betitelten Schrift, um 1270 seinem Unmut über die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte Luft.22 Die Transformation in einen Bettelorden und die damit einhergehende Zerstörung des ursprünglichen Charismas wurden von ihm ausgesprochen negativ beurteilt. "Back to the roots" war seine Devise – und nicht zufällig kritisierte er in diesem Zusammenhang auch das Engagement seiner Mitbrüder in sermonibus. Nikolaus bestritt, dass überhaupt eine ausreichende Anzahl von qualifizierten Brüdern existiere, um Predigt und Pastoral erfolgreich durchführen zu können. Um was ging es? Kontemplation war für Nikolaus von zentraler Bedeutung – Kontemplation, die nicht nur einen Rückzug vom Getöse und von den Umtrieben der Welt nötig machte, sondern ebenso den Verzicht auf alle Aktivitäten, die sich in dieser abspielten, darunter auch die Predigt. Nikolaus bemerkt mit einigem Sarkasmus, dass es unter Eremiten nur wenige gebe, die predigen könnten beziehungsweise wollten (Ignea sagitta 4, 1-3), schließt allerdings die Möglichkeit zur Predigt nicht ganz aus. Er bezweifelt nicht die Legitimität von Predigt und allen anderen pastoralen Tätigkeiten für den Nächsten. Was ihm jedoch missfällt, ist das bei den Karmelitern zugrunde liegende Motiv, das man öffentlich nur nicht recht eingestehen möchte: das Reagieren auf den Zeitgeist, auf die neuen Sitten. In seiner sarkastischen, vor bösartiger Polemik strotzenden Schrift kritisiert Nikolaus zwar aktuelle Verhältnisse und beklagt den Verlust des eremitischen Charismas, das sich zuvor, ohne eine Verpflichtung zur Predigt, bestens entwickelt habe, bleibt aber eine Lösungsstrategie schuldig. Denn an eine Rückkehr ins Heilige Land kann er wohl kaum gedacht haben. Und vielleicht tut er seinen Mitbrüdern auch unrecht, wenn er ihnen einen Totalverlust der Erinnerung an ihre eigentliche Herkunft und spirituelle Ausrichtung unterstellt. Die eremitischen Wurzeln waren nämlich nicht vergessen. Hierzu seien zwei Beispiele angeführt, das eine historiografischer, das andere archäologischer Natur.

[12] Auf das erste Beispiel machte Bartolomeo Xiberta (1897‒1967) aufmerksam, der wohl größte Karmelitergelehrte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In der von dem Karmeliter Jean Golein (1325‒1410) im Auftrag König Karls V. von Frankreich verfassten französischen Übersetzung des Rationale divinorum officiorum aus der Feder des Guillaume Durand findet sich eine Passage, in der die Karmeliterkirche in Rouen und die Zweckbestimmung der dortigen Krypta erwähnt werden:

Ont les freres de Notre Dame du Carme de Rouen comencié à ediffier leur église en laissant lieu per dessous à crotes, moult devot pour les plus contemplatifs (ut cryptae fratribus contemplationi vacare cupientibus aptarentur).23

In Rouen baute man also in großem Maßstab, weil die Pastoral, die neue monastische vita activa, dies notwendig machte. Gleichzeitig gestand man jedoch all denjenigen, die weiterhin die traditionelle vita contemplativa favorisierten, einen Rückzugsraum zu: die Krypta. In den Städten war kontemplativ-eremitisches Leben demnach weiterhin in Ansätzen möglich. Und dies nicht nur in Rouen, sondern auch in London.

[13] Der Londoner Karmeliterkonvent war ein ausgesprochen großer Komplex, der Mitte des 15. Jahrhunderts 2,1 Hektar in bester Innenstadtlage umfasste. An die Stelle des bescheidenen Kirchengebäudes aus dem dritten Viertel des 13. Jahrhunderts traten im Laufe des 14. und im frühen 15. Jahrhundert ein sehr viel größeres Schiff und ein neuer Chor. Zunächst zeugt dies von der wachsenden ökonomischen Potenz und Attraktivität einer Ordensgemeinschaft. Bemerkenswert ist in diesem Fall aber zusätzlich, dass die Karmeliter ihr erstes, bescheidenes Oratorium nicht durch einen Neubau ersetzten, vielmehr die neue Kirche danebensetzten. In Norwich und Paris war man ähnlich vorgegangen.24 Der Gedanke liegt nahe, dass hier baulich am Ideal eines kleinen Eremitoriums festgehalten wurde, die Predigtkirche in ihren enormen Dimensionen zugleich jedoch das Ankommen im Hier und Jetzt demonstrierte. Dieser Befund wurde jüngst treffend folgendermaßen charakterisiert: "Rather than compromising on their monastic ideals, the Carmelites were, so to speak, having their cake and eating it".25

Humanistische Strömungen im Orden

[14] Wenig überraschend tat sich ein Orden, der klein war, ungewöhnliche Ursprünge hatte und vorrangig in kleinen und mittelgroßen Städten aktiv war, schwerer als andere damit, in die Zentren politischer Macht vorzustoßen und dort seine Wirksamkeit zu entfalten. Punktuell waren diese Vorstöße zwar von Erfolg gekrönt – allein die fortgesetzte Präsenz karmelitischer Beichtväter im Umfeld der französischen und englischen Könige belegt diese Feststellung –, doch in der Gesamtheit gesehen gelang es den Karmelitern nie, zu den großen Bettelorden aufzuschließen.26

[15] Humanistischen Strömungen des ausgehenden 14., vor allem aber des 15. Jahrhunderts öffnete man sich bei den Karmelitern ausgesprochen verhalten. Und dort, wo humanistische Autoren rezipiert oder gar eigene Werke in humanistischem Geist konzipiert wurden, handelte es sich um ein eng umgrenztes Phänomen. Die Forschungsliteratur zu diesem Themenfeld spiegelt diesen Befund und erweist sich als außerordentlich bescheiden. Im Grunde genommen existieren lediglich zwei Überblicksdarstellungen. An erster Stelle steht die umfangreiche Untersuchung, die Benedikt Zimmermann dem Phänomen bereits im Jahr 1935 widmete.27 In Zimmermanns Fußstapfen trat Joachim Smet, der die Thematik in seiner Geschichte des Karmeliterordens gleichwohl nur auf einigen wenigen Seiten skizzierte.28 Während Zimmermann in bester positivistischer Manier Namen auf Namen, Werk auf Werk folgen lässt und diese knapp, aber stets treffend und inhaltsreich umreißt, hängt Smet zwar klar von den Vorarbeiten seines Ordensbruders ab, ergänzt diese jedoch durch eine ausführliche Beschreibung dessen, was insbesondere Kunsthistoriker in den letzten Jahrzehnten beschäftigt hat: die künstlerische Ausgestaltung der Cappella Brancacci in Santa Maria del Carmine in Florenz. Hier ist indes nicht der Ort, um die in den Jahren zwischen 1424 und 1485 von Masolino, Masaccio und Filippino Lippi ausgeführten Fresken zu behandeln, die im Übrigen, verglichen mit dem, was nachstehend betrachtet werden wird, ausnehmend gut erforscht sind.29

[16] Fest steht, dass um 1460 im Orden erste humanistische Strömungen wahrnehmbar wurden, die sich allerdings erst 1475 verdichteten, um dann rund dreißig Jahre lang die Ordenstheologie zu befruchten. Die Zahlen freilich sind bescheiden: Nur rund zwanzig Karmeliter sind dieser Bewegung zuzuordnen. Sie bildeten, wie es Zimmermann sehr schön auf den Punkt bringt, nicht nur eine Strömung ("un parti"), sondern eine Clique ("une clique") innerhalb des Ordens.30 Damit ist durchaus eine Wertung verbunden, neigt eine Clique doch zur Abschließung gegenüber anderen. Interessant ist es zu sehen, welche Beziehungen diese Ordenshumanisten mit den großen Persönlichkeiten der humanistischen Bewegung in ganz Europa unterhielten und in welchem Maße und auf welche Weise sie sich gegenseitig beeinflussten und inspirierten. Sie tauschten sich hauptsächlich über Briefe aus und kaprizierten sich auf Gattungen wie etwa die bucolica oder auch die oratio, deren Abhängigkeit von klassisch-lateinischen Vorbildern auf der Hand liegt.31

[17] In der Gattung Predigt brillierte man hingegen nicht. Gleichwohl haben Karmeliter auch in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts gepredigt. Bleiben wir kurz beim Beispiel Florenz, genauer bei der Bibliothek des Konvents von Santa Maria del Carmine. Eine Bibliothek der Florentiner Karmeliter wird zum ersten Mal 1336 in den Rechnungsbüchern erwähnt.32 Sie wächst namentlich durch Buchschenkungen post mortem der einzelnen Konventualen. Von einer konsequenten Erwerbspolitik sind wir jedoch weit entfernt. Die Abfassung des Buchinventars von 1461, heute im Florentiner Staatsarchiv verwahrt, fällt in die Zeit einer größeren Neuorganisation der Bibliothek.33

[18] Hier soll nun der Blick nicht auf die 347 aufgelisteten Handschriften,34 sondern auf das Entleihregister gerichtet werden, das sich am Ende des Inventars befindet und den Zeitraum 1461 bis 1493 abdeckt. Darin findet sich ein höchst interessanter Eintrag:

Die penultima mensis maii 1480. Ego frater Alexander Azonus mantuanus recepi a conventu Florentie, causa predicandi, libros infrascriptos, videlicet: et primo Bonam Venturam secundum qui incipit: Profunda; et in fine: donum reveniat in carta bona sine assidibus. Item habui Iohanninum dominicalem per totum annum qui incipit: Si cibi corporalis, et finit: per totum. Ligatum, in bona carta scriptum. Item interpretatione in carta bona ligatum quod incipit: Aaz aprehensio; finis: tribus diebus. Item Dicta super Evangelia fratris Francisci de Abbate qui incipit: erunt signa; finis: seculorum amen. Hos libros habui a Venerabili Bachalaureo Frate Donino, de consensu patris prioris Reverendo Magistro Rainerio de Florentia.

Reddidit suprascriptos libros die 4 iulii 1481.35

Wir erfahren, dass 1480 ein gewisser Alessandro de Azzonibus aus Mantua (1483 als Karmeliterprior in Prato nachweisbar) einige Bücher aus der Bibliothek des Florentiner Konvents entlieh. Der Grund: causa predicandi, das heißt, er wollte sie für seine eigenen Predigtvorbereitungen nutzen. Um welche Werke handelte es sich? Zunächst um Bonaventuras (1221‒1274) Kommentar zum zweiten Buch der Sentenzen, gefolgt von den Sermones dominicales des Dominikaners Giovanni di San Gimignano (1260‒1332),36 den Nomina hebraica des Stephen Langton (1150‒1226) und schließlich der Postilla super Evangelia dominicalia totius anni des italienischen Franziskaners Francesco de Asti (Franciscus de Abbatibus; 14. Jahrhundert). Wo und vor wem Alessandro de Azzonibus predigte, bleibt im Dunkeln. Deutlich wird hingegen, auf welche Vorbilder er für seine eigenen Predigten rekurrieren wollte: Zu diesem Kreis gehörten zwei Franziskaner, ein Dominikaner und ein Erzbischof von Canterbury – Karmeliter fanden keine Berücksichtigung. Von einer Ausnahme abgesehen stammten alle Werke von Autoren des 13. Jahrhunderts. Findet sich darin überhaupt irgendetwas Humanistisches? In Bonaventuras Sentenzenkommentar sicherlich nicht, steht dieser doch für eine Form theologischer Literatur, die unter dem Schlagwort 'Scholastik' verbucht wurde und bei den Humanisten keinen sonderlich guten Ruf genoss. Im besten Fall ist es das Werk des Stephen Langton, das von einem humanistischen Interesse am Hebräischen und damit an der hebraica veritas zeugt. Dieses Interesse teilte Alessandro de Azzonibus mit einigen seiner Ordensbrüder, darunter demjenigen, der in der Forschung als größter Humanist unter den Karmelitern, als "the greatest humanist the Order produced",37 gilt: Battista Spagnoli da Mantova, der "Mantuanus".

Battista Spagnoli da Mantova

Biografisches

[19] Battista Spagnoli wurde am 17. April 1447 in Mantua geboren. Von 1461 bis 1463 studierte er Philosophie in Padua.38 In dieser Zeit entstanden erste Gedichte, darunter die alsbald sehr bekannten Eklogen. In Ferrara trat Battista in den Karmeliterorden ein und verfasste dort mit 16 Jahren seine Erstlingsschrift, die zu einem Bestseller werden sollte: De beata vita. In den Jahren 1464 bis 1478 reiste er viel, studierte Theologie und widmete sich dem Hebräischen. In Bologna, wo er der theologischen Fakultät vorstand, knüpfte er Beziehungen zu den Bentivoglio und schloss Freundschaften mit zahlreichen herausragenden Gelehrten seiner Zeit, darunter Pico della Mirandola (1463‒1494), Bernardo Bembo (1433‒1519), Angelo Poliziano (1454‒1494) oder Filippo Beroaldo il Vecchio (1453‒1505). 1479 übernahm er zum ersten Mal das Priorenamt im Mantuaner Konvent. Bis zu seiner Abberufung nach Bologna 1481 fungierte er auch als Praezeptor der Kinder des Markgrafen von Mantua und wurde langsam, aber sicher Teil eines Netzwerks, das ihm später noch gute Dienste leisten sollte. 1483 ernannte ihn die Mantuaner Kongregation zu ihrem Generalvikar, ein Amt, das auf zwei Jahre begrenzt war, nach einer Pause indes erneut bekleidet werden konnte ‒ Battista amtierte letztlich insgesamt fünfmal als Generalvikar. Von 1492 bis zu seinem Tod 1516 versah er erneut das Priorenamt in Mantua. Seine Geburtsstadt verließ er jetzt kaum mehr und bewegte sich im Umfeld des Hofes von Isabella d'Este.

[20] Von Zeitgenossen wurde der Mantuanus wegen seiner Beherrschung des Lateinischen gerühmt.39 Seine beeindruckende Produktivität hingegen hatte ihre Schattenseiten: Nicht in allen Fällen gelang es ihm, das Niveau aufrechtzuerhalten, das er in seinen Jugendwerken erreicht hatte. Man geht von rund 100.000 lateinischen Versen aus, die er im Laufe seines Lebens verfasst haben soll, gedruckt liegen gut 55.000 vor.40 Sein eminenter Erfolg zeigte sich auch in den Druckausgaben seiner Werke: Rund 600 sind es im 15. und 16. Jahrhundert. Danach bricht die Erfolgskurve jäh ab. Autor und Werk fielen einem fast vollständigen Vergessen anheim, das im Grunde genommen bis heute andauert.

Ein zweiter Vergil?

[21] Am Ende seines Lebens nahmen die kritischen Stimmen zu, die nicht mehr in den Lobpreis all derer einstimmen wollten, die im Mantuanus einen "zweiten Vergil" sehen wollten. Ausgenommen von der Kritik blieben allerdings die frühen Werke, zu denen auch die Eklogen gehören, die jüngst zu Recht als "vero e proprio best seller nell'editoria europea del XV e XVI secolo" charakterisiert wurden.41 Battista Spagnoli verfasste insgesamt zehn Eklogen, die chronologisch in zwei Teile zerfallen. Der erste, der die Eklogen I bis VIII beinhaltet, darf als Jugendwerk gelten, in dem sich die rückhaltlose Bewunderung lateinischer Poesie Bahn bricht. Es besticht durch Erdverbundenheit und Aspekte von Körperlichkeit. Die Eklogen dieser Gruppe behandeln säkulare Stoffe, so etwa Gefahren und Verlockungen erotischer Liebe, die Nachteile des Stadt- und die Vorzüge des Landlebens oder auch knauserige Gönner.42 Die beiden letzten Eklogen IX und X hingegen entstanden in den 1480er Jahren, mithin zu einer Zeit, in der Battista Spagnoli als Vertreter der Mantuaner Reformkongregation entschieden dafür eintrat, dem Orden einschneidende Neuregelungen zu verordnen und sich dabei an der alten, vermeintlich glorreichen Vergangenheit zu orientieren.43 Hier feiert religiöse Satire im Schäfer- und Hirtengewand, wie sie beispielsweise auch von Petrarca bekannt ist, fröhliche Urständ. In jeder der Eklogen interagieren in pastoraler Umgebung zwei oder mehr Gesprächspartner, deren Aussagen in vielfältige allegorische Assoziationen gekleidet werden. Allegorie dient in diesem Rahmen der Darstellung von als skandalös empfundenen Zuständen an der Kurie, deren explizite Benennung dem Mantuanus ansonsten große Probleme bereitet hätte. Unaussprechliche Zustände wurden so mithilfe allegorischer Verfahren überhaupt erst beschreibbar.44

Ekloge X

[22] Die zehnte Ekloge schließt mit einer laus Carmeli, mit der Aufforderung, sich am Alten, an der Tradition zu orientieren, für die exemplarisch das Karmelgebirge steht:45

Wandelt vor allem in den Fußstapfen eurer Vorväter und achtet die alten Wege: die gelobten Weiden und Quellen eurer Väter […].46

Beachtet die Gesetze der Altvorderen, ruft die durch Täler und Felsen ziehenden und von wilden Tieren verfolgten Herden zurück. Baut erneut eure Hütten auf den alten Feldern.47

Diese Laus temporis acti verrät bei aller Freude am Spiel mit raffinierter Sprachallegorie doch eines: den unbedingten Willen, das, was früher war, wieder stärker ins allgemeine Bewusstsein zu heben und zu fördern. Worin aber bestand dieses "Frühere"? Es umfasste mehr als die allgemeine topische Beschwörung einer als ideal empfundenen Frühzeit: Es ging um die Aufhebung der Spaltung des Ordens, der zum Zeitpunkt der Abfassung der Ekloge X zerfallen war in einen 'allgemeinen Teil' und die strengere Mantuaner Reformkongregation, welcher der Mantuanus vorstand.48 Die Form des christlichen Humanismus, die sich in den Eklogen zeigt, ist, darauf hat bereits Gwenda Echard überzeugend hingewiesen, geprägt nicht nur von seiner Verankerung in der jüdisch-christlichen Tradition, sondern auch von der Liebe zum Spiel mit zum Teil hochkomplexen Allegorien und von einer didaktischen Zielsetzung.49 Battista Spagnoli formuliert in den Eklogen ein Lob des Landlebens, das sich nicht ausschließlich gegen die als verderbt charakterisierten Städte und ihre Bewohner richtet, sondern wie etwa in Ekloge VI gleichzeitig ein Licht auf das zum Vorbild erhobene pastorale Engagement des eigenen Ordens wirft: Der Glaube der Landbewohner wird in seiner Einfachheit deshalb herausgestellt, weil er nicht von einer alles hinterfragenden ratio und von dem Verlangen geleitet wird, Glaubenswahrheiten durch den Verstand zu zergliedern, um sie so (vielleicht) besser zu verstehen.50 Simplicitas wird hier eng an eine als vollkommen gesehene Form von spiritualitas gebunden, der es im pastoralen Engagement Rechnung zu tragen gilt.51

Predigten im Werk des Mantuanus

[23] Predigten stricto sensu scheint Battista Spagnoli nicht hinterlassen zu haben. So jedenfalls ist der Eindruck, den man bei der Lektüre der Forschungsliteratur gewinnt. Diese Feststellung ist ebenso richtig wie falsch. Richtig ist sie, wenn man unter 'Predigt' all diejenigen Produkte pastoralen Engagements versteht, die eine mehr oder minder starke Abhängigkeit vom überlieferten Modell des sermo modernus nicht verleugnen können, von derjenigen Form der Predigt also, die im frühen Universitätsmilieu entstand und sämtliche Ausführungen von einem einzigen biblischen Zitat, dem sogenannten Thema, ableitete. Falsch ist die Feststellung, wenn man berücksichtigt, dass neben sermones moderni auch andere Formen von Ansprachen existierten, die solche Predigten alten Stils ersetzten, deshalb aber nicht aufhörten, Predigten zu sein.52 In den Quellen tauchen sie unter dem Begriff orationes auf. Dies gilt auch für Battista Spagnoli.

[24] Ausgesprochen aufschlussreich in dieser Beziehung ist eine Ansprache, die nach der Priesterweihe eines Karmeliterbruders namens Peter von Brixen vom Mantuanus im Karmeliterkonvent von Ferrara 1466 gehalten wurde. Überliefert ist sie als Oratio fratris Baptistae Mantuani de laudibus fratris Petri Brixiensis novi sacerdotis habita Ferrariae 1466 cum optima viri commendatione.53 Erneut handelt es sich hierbei um ein Jugendwerk. Zugegebenermaßen fehlt das entscheidende Element, das eine Predigt unmittelbar als eine solche identifizierbar macht: das Thema. Was jedoch vorhanden ist, ist eine Neigung zur starken Untergliederung der Hauptaussagen. Namentlich zu zwei Punkten äußert sich der Mantuanus: zur Stellung des Priestertums einerseits, zur Bedeutung der Priester andererseits.54

[25] Die obligatorische Bescheidenheitstopik wird zu Beginn dazu genutzt, um entschuldigend zu erklären, weshalb von einer allgemeinen Behandlung des Priestertums (sacerdotium) in diesem konkreten Fall abgesehen werden muss. Viel Größere als er hätten sich, so der Mantuanus, doch bereits zu dieser Thematik geäußert. Dieses caveat schafft Zeit und Raum für das Lob: das situationsbedingte Lob eines einzigen Mannes, des neu geweihten Priesters (sacerdos).55 Letzterer Punkt wird dann anhand der definitorischen Trias etas (Alter) – mores (Sitten) – scientia (Bildung) näher erläutert, wobei dem Laudator weniger Alter und Bildung des Gepriesenen als dessen mores beschreibungswürdig erscheinen.56 Petrus Carmelita überzeuge, so gibt Battista Spagnoli zu verstehen, durch sein Auftreten, sein Verhalten, seine Sitten. Vor diesem Hintergrund dürfe er als Mann der Tat, nicht des Wortes gelten.57 Eine Eigenschaft mutet besonders wichtig an: Petrus Carmelita denke, bevor er spreche. Spreche er, wäge er seine Worte mit Bedacht. Leeres Wortgeklingel sei seine Sache nicht.58 Ausgeführt werden diese Gedanken selbstverständlich unter Rückgriff auf einen umfangreichen Apparat antiker Referenzen. Welche Relevanz diesem Lob ganz grundsätzlich etwa im Rahmen von Ansprachen auf Provinzial- oder Generalkapiteln der Bettelorden zukam, hat Cécile Caby jüngst wieder eindrucksvoll demonstriert.59 Das Lob mag vordergründig auf das Individuum ausgerichtet sein, die Person dient gleichwohl bloß als Reflexionskörper, durch den das Lob auf den Orden in seiner Gesamtheit zurückgeworfen wird.60

[26] Im vorliegenden Fall kann sich der neu geweihte Priester an einer langen Auflistung seiner Tugenden (mores) erfreuen, die durch eine fast inflationäre Verwendung von Adjektiven und Steigerungsformen an Tiefenschärfe gewinnen. Dem Zuhörer beziehungsweise Leser dürfte das Bemühen um sprachliche Schönheit ins Ohr beziehungsweise Auge gesprungen sein: Häufig wird sie durch Assonanzen hergestellt.61 In diesem Punkt folgt der Mantuanus klar dem Gebot des prodesse et delectare. Das Ideal, das er in Petrus Carmelita verwirklicht sieht, gründet in Harmonie und Schönheit. Einsatz von Verstand und Fähigkeit zur Einsicht in das Notwendige zeichnen einen Mann aus, der Sprache reduziert, aber bewusst einsetzt und somit zum Prototyp eines reformorientierten Karmeliters wird.62 Wer freilich über den engeren Kreis des Adressaten und der Karmelitergemeinschaft in Ferrara hinaus in den Genuss dieser Ansprache kam, bleibt unklar.

[27] Über den Adressatenkreis der nun folgenden oratio besteht dagegen keinerlei Zweifel. Es sind die 1493 auf dem Generalkapitel der Mantuaner Kongregation in Brixen versammelten Karmeliter, vor denen Battista Spagnoli als eine ihrer wichtigsten Persönlichkeiten (wenn auch 1493 nicht im Amt des Generalpriors) eine Eröffnungsrede hielt.63 Überliefert ist die Ansprache, die sich im Graubereich zwischen oratio und sermo bewegt, in der Zimmermann'schen Edition als Oratio magistri fratris Baptiste de Mantua theologi oratorisque precellentis in capitulo provinciali Brixie anno do. 1466 [verius 1493] de laude ordinis.64 Die thematische Stoßrichtung der an die "patres celeberrimi" gerichteten oratio ist damit korrekt wiedergegeben. Es geht um das Lob des eigenen Ordens. Es geht um eine Standortbestimmung, um Selbstvergewisserung – und um Abgrenzung, und dies sowohl nach innen als auch nach außen. Eine Reformkongregation grenzt sich von dem noch nicht reformierten, nicht observanten Teil des Ordens ab, verdeutlicht aber gleichzeitig nach außen, was das Spezifische am Ordensleben der Karmeliter insgesamt, der "res publica nostra", ist.65 Diese Eröffnungsansprache zeigt einen Orden, der mit sich selbst beschäftigt ist. Es scheint noch nicht einmal Zeit dafür, einer Basisanforderung bei der Abfassung solcher Generalkapitelspredigten Genüge zu tun: die als Gastgeberin fungierende Stadt zu loben. Dieses Lob sucht man vergeblich.

[28] Erklärtes Ziel des Mantuanus ist es, in seiner Ansprache nicht die alten, bereits ausgetretenen Pfade zu beschreiten, sondern im Gegenteil Neues zu liefern – 'neu' im Sinne einer Zustandsbeschreibung dessen, was von den Zuhörern als reformbedürftig und notwendig innerhalb des Ordens begriffen wird ("circa id quod vel maxime necessarium fore iudicant").66 Gepflegt wird somit zunächst die Innenschau, die sich indes nicht ganz frei machen kann von dem, was als 'öffentliche Meinung' von außen hinein in den Orden getragen wird. Ausgehend von persönlichen Erinnerungen gibt der Mantuanus zu verstehen, dass Angriffe auf Ansehen und Integrität der Karmeliter immer wieder vorgekommen seien – und bezeichnenderweise ist es hier die Predigt, die als Medium zur Verbreitung von gegen den Orden gerichteten Unterstellungen und Verleumdungen explizit genannt wird.

[29] Vier gegnerische Anklagepunkte werden angeführt: 1. Unwürdigkeit im Sinne von zweifelhaftem Ursprung (ignobilitas), 2. Armut/Knappheit im Sinne von zu geringer Mitgliederzahl (inopia), 3. Gleichgültigkeit/Nachlässigkeit (negligencia) und 4. Unkenntnis der Freien Künste und der Wissenschaften (arcium liberalium litterarumque ignorancia). Auf jeden dieser Anklagepunkte wird in der Folge gesondert und mit einiger Ausführlichkeit eingegangen. Die Tatsache der ignobilitas wird auf die gewählte Lebensform in Einfachheit, Armut und Weltentsagung bezogen. Besteht die beata vita, das gute Leben, so der Mantuanus, der diesem Aspekt seine Erstlingsschrift gewidmet hatte, nicht gerade in einer solchen Existenz? An Vorbildern herrsche kein Mangel: Eremiten wie Paulus von Theben und Antonius finden ebenso wie Johannes der Täufer Erwähnung. Karmeliter könnten laut dem Mantuanus, wenn sie denn wollten, sehr wohl der Welt gefallen: Es würde ausreichen, ihr nach dem Munde zu reden. Doch Karmeliter praktizierten sehr bewusst das genaue Gegenteil: Sie lebten nicht in der Welt, sondern allein in Christus. Diese fundamentale Lebensentscheidung gründe ihrerseits in Demut, jener Demut, über die auch all diejenigen Karmeliter verfügt hätten, die durch ihre Schriften unvermindert in die Welt wirkten und so den Ruhm des Ordens nach außen trügen – ganz so, wie dies Seneca, Cicero, Livius, Catull und Vergil etwa für ihre Geburtsstädte getan hätten. Weniger die sich anschließende Auflistung von Namen tatsächlicher oder auch nur für den Orden reklamierter Karmelitergelehrter erstaunt in diesem Zusammenhang: Cyrill von Alexandrien (um 375‒444), Paulus von Perugia (gest. um 1345), John Baconthorpe (um 1290‒1346), Michele Aiguani (um 1320‒1400); vielmehr überrascht, dass diese ihre Theologie nicht auf der Grundlage des an den Schulen und Universitäten gelehrten philosophisch-theologischen Wissens betrieben hätten, sondern dass sie "non a Theophrasto Pythagora, non Aristotele, non Platone philosophorum principibus sed ab ipso immortali deo videntur esse eruditi":67 Die strahlendsten Sterne am karmelitischen Gelehrtenhimmel hätten ihre Weisheit und Gelehrsamkeit demnach von Gott direkt (und nicht vermittelt durch – horribile dictu  – heidnische Philosophen) erhalten.

[30] Der Anspruch ist hoch, und der Mantuanus orientiert sich in seiner Verteidigungshaltung ganz offensichtlich an der Maxime des "Höher, Größer, Weiter".68 Mit einer geradezu abenteuerlichen Begründung wird sogar Johannes der Täufer für die Karmeliter vereinnahmt, habe er doch nicht nur in der Wüste gelebt, sondern auch durch seine Lebensführung und die von ihm getragene strahlend weiße Kleidung an einen Karmeliter erinnert; in allegorischem Sinne verweise das Strahlen ("albedo") auf die Reinheit des Charakters (und des Körpers).69 Der Zeitstrahl, auf dem sich die Geschichte der Karmeliter entfaltet, wird auch vom Mantuanus, damit der traditionellen Ordenshistoriografie folgend, weit in die Vergangenheit hinein ausgedehnt. Den Vorwurf, die Karmeliter verfügten über mehr als fragwürdige und dubiose Ursprünge, kann und will er nicht gelten lassen, sondern vergleicht die entsprechende karmelitische Meistererzählung mit anderen Ursprungsberichten, die sich gleichwohl allesamt im Bereich der (mythischen) Stadtgründungslegenden bewegen.70 Ignobilitas wird in nobilitas verkehrt. Und noch wichtiger: Das ehrwürdige Alter der Karmeliter bezeichne nicht allein das starre Festhalten an Traditionen, sondern berge stets auch das Moment des Aufbruchs in sich. Das sich aus der Vergangenheit speisende Traditionsbewusstsein sei wichtig für die Ausgestaltung der Gegenwart, Altes müsse sich allerdings dabei mit Neuem verbinden, um das Überleben des Ordens auch in der Zukunft zu sichern.71 Battista Spagnoli wird einige Jahre später auf die Kontroversen um die Ursprünge des Ordens, die sich Ende des 15., in erster Linie aber im 16. und 17. Jahrhundert verdichteten, mit einer Apologia pro ordine carmelitano reagieren.72

[31] Der vierte Vorwurf, ungebildet und den Wissenschaften abhold zu sein ("ignari et neglectores"), bindet einiges an argumentativer Energie. Und in effectu gesteht der Mantuanus ein, dass die Widersacher des Ordens in einem Punkt partiell richtig liegen könnten. Einige Ordensmitglieder mögen tatsächlich in formalem Sinne mehr oder minder ungebildet sein ("litterarum ignari"). Deshalb jedoch zu glauben, der Orden in seiner Gesamtheit sei wissenschaftsfeindlich eingestellt, sei ein Trugschluss. Mit dem Verweis auf "aut Cirilli aut Bachones aut Michaeles" unterstreicht Battista Spagnoli, dass es im Orden eine Vielzahl gebildeter Männer gab und gibt, die sich geistig im Fahrwasser von John Baconthorpe oder Michele Aiguani beweg(t)en. In einem eindrücklichen Bild fasst er zusammen, worum es geht: "Sed neque ea tamen domus lucida vocatur in qua plures ardeant lampades, sed eciam ea in qua tantum una. Que si forsitan maxima lucidissimaque fuerit, lucidior domus erit quam ea in qua licet plures parve tamen emicant lampades".73 In der Tat: Der Orden mag nicht über ganz so viele Gelehrte wie andere Orden verfügen, doch strahlen karmelitische Gelehrte ausgesprochen hell. Und gestrahlt hat man gemäß dem Mantuanus nicht nur in vergangenen Zeiten, sondern dies gilt auch für die Gegenwart. Besondere Erwähnung findet in diesem Zusammenhang der 1461 verstorbene Generalprior Johannes Soreth, dessen Gestalt wohl noch einigen Anwesenden im Publikum lebhaft vor Augen gestanden haben dürfte: "[…] tu Iohannes Soreth clarius laciusque refulges, velut inter ignes luna minores".74 Auf noch etwas anderes wird explizit hingewiesen: Innerhalb des Ordens, so der Mantuanus, gelte es unterschiedlichen Anforderungen und Aufgaben Rechnung zu tragen. Nicht alle Mönche könnten sich der Wissenschaft widmen, man benötige auch solche, die sich um die alltäglichen Bedürfnisse kümmerten. Das alle einende Band freilich sei die Suche nach dem ewigen Leben (vita immortalis): "Alii litteras, alii victum, alii vestitum, omnes autem vitam immortalem quesitant".75 Battista Spagnoli singt den Lobpreis seines Ordens, doch geht er dabei an keiner Stelle so weit, diesen in der Gruppe der Gelehrtenorden zu verankern. Das schließt aber nicht die Forderung nach einer soliden Ausbildung der Ordensmitglieder vor allem im Bereich des Triviums aus, in der Grammatik, Grundlage aller weiteren Bildung ("aliarum arcium origo sit et fundamentum"), der Dialektik ("Sic dyalectica philosophie est pars, dicitur et instrumentum") und der Rhetorik: "Laborandum est itaque pro viribus ut quisque litteris familiaris efficiatur, et grammatice non solum vestibulum sed eciam obscuros quosque recessus investiget".76

[32] Intime Vertrautheit mit dem Trivium ist nicht Selbstzweck, sondern kulminiert in dem, was die raison d'être des Karmeliterordens (zumindest in seiner spätmittelalterlich-mendikantischen Verfasstheit) ausmacht: die Fähigkeit zum prodesse et delectare und zur persuasio. "In quo finis existit oratoris".77 Es ist die Rhetorik ("rhetorica tamquam regina"), die das Handwerkszeug für die Ausgestaltung von orationes und sermones zur Verfügung stellt. Es ist die "Königin des Triviums", auf deren Grundlage sich oratorische Überzeugungskraft überhaupt erst entfalten kann.

Conclusio

[33] Das, was von Karmelitern im 15. Jahrhundert unter dem Label 'Predigt' (sermo) überliefert ist, gehört – soweit ich es überblicke – nicht zum Besten, was Predigtkunst des ausgehenden Mittelalters hervorgebracht hat. Die spärlich überlieferten klassischen Sammlungen von Sonntags-, Fest- und Heiligenpredigten per circulum anni überliefern Texte, die von einer starken Abhängigkeit von klassischen, auf den Aufbauprinzipien des sermo modernus beruhenden Kompositionsmodellen zeugen. Diese Predigten können getrost der Rubrik der pastoralen Alltagskost zugeschrieben werden. Genuin humanistisches Gedankengut findet sich in ihnen nicht. Es ist wohl kein Zufall, dass der oben erwähnte Alessandro de Azzonibus aus Mantua 1480 für seine Predigtvorbereitung auf die Texte von Mitgliedern anderer Bettelorden, nicht auf diejenigen von Karmelitern, zurückgriff. Den klassischen Predigtauftrag erfüllte man somit, ohne zur Höchstform aufzulaufen.78

[34] Das Bild ändert sich mit Blick auf die Formen von Reden, die anlassbezogen noch im 14. Jahrhundert ganz selbstverständlich der Kategorie 'Predigt' zugeschlagen worden waren, im 15. Jahrhundert dann zunehmend unter dem Titel 'Ansprache' beziehungsweise 'Rede' (oratio) überliefert sind. Ob und wie Stadtbewohner im Falle etwa des Mantuanus in den Genuss solcher orationes kamen, muss beim derzeitigen Stand der Forschungen offen bleiben. Aber eines ist klar: In gut humanistischer Manier zirkulierten derartige Texte in ganz Europa, in Briefen berichtete man sich gegenseitig davon und ließ sich davon inspirieren.

[35] Es geschah wohl über solche Texte, dass einzelne Mitglieder des Karmeliterordens hinein in die Stadtgesellschaft wirken konnten. Das grenzüberspannende, sich gegenseitig befruchtende humanistische Netzwerk hatte hier allerdings einen entscheidenden Nachteil: Spezifisch Karmelitisches konnten diese Texte kaum transportieren. Ein weiteres caveat gilt es stets mitzudenken: Hinsichtlich der Karmeliter sprechen wir sowohl im Bereich der Predigt (sermones) als auch im Bereich der Rede (orationes) von einer ausgesprochen überschaubaren Anzahl von Beispielen. Das macht allgemeingültige Aussagen so schwierig. In diesem Sinne mag vorliegender Beitrag einen kleinen Baustein für die weitere Beschäftigung mit dem Phänomen karmelitischer Predigt und Oratorik im späten Mittelalter liefern. Wenn, wie vom Mantuanus in seiner Generalkapitelspredigt behauptet, die Suche nach dem ewigen Leben das sämtliche Ordensmitglieder einende Band war, wenn das Streben nach der vita immortalis intern dazu führte, dass man Rang- und Standesgrenzen aufhob, dann wurden extern Stadtgesellschaften im Medium der Predigt und der Rede in dieses übergeordnete Streben miteinbezogen, dann wurden sermones und orationes zum Mittel par excellence, den Weg hin zur ewigen Seligkeit aufzuzeigen.

[36] Summa summarum: Karmeliter waren in den Stadtgesellschaften des ausgehenden Mittelalters rhetorisch präsent. Ihre Predigten (sermones) erweisen sich als frei von humanistischem Einfluss und wirkten nahezu ausschließlich auf der Ebene der Pfarreistrukturen, ihre Reden (orationes) jedoch entfalteten eine Wirksamkeit weit über die Stadtgrenzen hinaus.

Reviewers
Edeltraud Klueting, Theologische Fakultät Paderborn
Annelen Ottermann, Humboldt-Universität zu Berlin

Handling Editor
Susanne Kubersky-Piredda, Bibliotheca Hertziana – Max Planck Institute for Art History, Rome

Citation
Ralf Lützelschwab, "Humanismus light? Karmeliterpredigten und -reden des 15. Jahrhunderts und ihr Einfluss auf die civitas", in: RIHA Journal 17, 2 (2026), DOI: https://doi.org/10.11588/riha.2026.2.107575.

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1 Diese erste 'Proto-Regel'ist sehr kurz gefasst. Die Benediktsregel (Regula Benedicti) ist rund dreizehnmal so lang. Zur Person Alberts vgl. Patrick Mullins, The Carmelites and St Albert of Jerusalem. Origins and Identity, Rom 2015 (= Textus et studia historica Carmelitana, 38); Patrick Mullins, The Life of St Albert of Jerusalem. A Documentary Biography, 2 Bde., Rom 2016‒2017 (= Textus et studia historica Carmelitana, 43-44).

2 Die erste Gründung im Abendland könnte diejenige von Valenciennes im Jahr 1235 durch einen gewissen Pierre de Corbie gewesen sein. Vgl. zu den Ausbreitungswegen Adrianus Staring, "Notes on a List of Carmelite Houses in Medieval France", in: Carmelus 11 (1964), 150-160: 158-159; Joachim Smet, The Carmelites. A History of the Brothers of Our Lady of Mount Carmel, Bd. 1: ca. 1200 A.D. until the Council of Trent, überarb. Aufl., Darien, IL 1988 [zuerst Barrington, IL, 1975], 11.

3 Siehe I Reg 18.

4 Vgl. zu diesen Eremiten Patrick Thomas McMahon, "The Hermit Community on Mount Carmel, c. 1207 CE", in: Michelle M. Sauer und Kevin J. Alban (Hg.), Celebrating St. Albert and His Rule. Rules, Devotion, Orthodoxy and Dissent, Rom 2018, 35-61.

5 Bartolomeo Xiberta, "Magistri Iohannis Golein Annotationes de Historia Ordinis", in: Analecta Ordinis Carmelitarum 7 (1928), 69-78: 76-77.

6 Vgl. Franco A. Dal Pino, "Papato e Ordini mendicanti-apostolici 'minori' del Duecento", in: Il papato duecentesco e gli ordini mendicanti. Atti del XXV convegno internazionale, Assisi, 13–14 febbraio 1998, Spoleto 1998 (= Atti dei convegni della Società internazionale di studi francescani e del Centro interuniversitario di studi francescani, N.S. 8), 105-160: 116-120.

7 Vgl. François Guyonnet, "Les ordres mendiants dans le sud-est de la France (XIIIe‒début XVIe siècle). Essai de synthèse sur la topographie et l'architecture des couvents (Comtat Venaissin, Provence, Languedoc oriental)", in: Cahiers de Fanjeaux 44 (2009), 275-312: 291.

8 Zit. in Jacqueline Caille, "Les ordres mendiants à Narbonne des origines à la fin du Moyen Âge", in: Sophie Cassagne-Brouquet und Agnès Dubreil-Arcin (Hg.), Le Ciel sur cette terre. Dévotions, Église et religions au Moyen Âge. Mélanges en l'honneur de Michelle Fournié, Toulouse 2008, 165-206: 193, Anm. 126 (meine Übersetzung).

9 Vgl. Germain Butaud und Vincent Challet, "Guerre et transfert intra muros des monastères en Languedoc et en Comtat Venaissin (milieu XIVe‒milieu XVe siècle)", in: Cahiers de Fanjeaux 44 (2009), 517-568.

10 Vgl. Nelly Pousthomis-Dalle, "Les ordres mendiants dans le sud-ouest de la France. État de la recherche sur l'implantation, la topographie et les choix architecturaux des couvents", in: Cahiers de Fanjeaux 44 (2009), 223-273: 231-232.

11 Vgl. Emanuele Boaga, "L'organizzazione dello studio e degli studia presso i carmelitani tra il XIII e il XIV secolo", in: Studio e studia. Le scuole degli ordini mendicanti tra XIII e XIV secolo. Atti del XXIX convegno internazionale, Assisi, 11–13 ottobre 2001, Spoleto 2002 (= Atti dei convegni della Società internazionale di studi francescani e del Centro interuniversitario di studi francescani, N.S. 12), 175-195: 193-194.

12 Vgl. Oskar Kristeller, Medieval Aspects of Renaissance Learning. Three Essays, hg. v. Edward P. Mahoney, New York 1992, 65-71. Die gegen den Thomismus gerichtete Schrift von Battista Spagnoli da Mantova findet sich ediert bei Claudio Catena, "L'Opus aureum in Thomistas del B. Battista Mantovano O. Carm.", in: Carmelus 14 (1967), 269-278. Battista Spagnoli äußerte sich auch ausgesprochen kritisch zur Legenda aurea des Jacobus de Voragine; vgl. hierzu Florent Coste, Gouverner par les livres. Les Légendes dorées et la formation de la société chrétienne (XIIIe‒XVe siècle), Turnhout 2021 (= Bibliothèque d'histoire culturelle du Moyen Âge, 20), 37. Jacobus de Voragine, der 1298 verstorbene Erzbischof von Genua, wird wenig schmeichelhaft folgendermaßen charakterisiert: "Fuit enim vir ille (judicio meo) pius quidem, sed nequaquam satis litteratus, pius inquam quod divina congesserit, illiteratus vero quoniam grecis vocabulis latinam, latinis grecam, hebraicis mixtam, nulli veram, omnibus confusam, obliquam, contortam falsamque dederit interpretationem. […] adeo delirus, adeo incompos fuit, ut nesciret etiam, se nescire, quae diceret". Abgedruckt in Giovanni B. Spagnoli, Parthenice Catharinaria Fratris Baptiste Mantuani: ab Ascensio [Jodocus Badius Ascensius] familiariter exposita, Straßburg: Jean Petit, Thielman Kerver und Georg Wolf, 1500, 2rv.

13 Vgl. Christopher D. Schabel, "Carmelite Quodlibeta", in: Christopher D. Schabel (Hg.), Theological Quodlibeta in the Middle Ages: The Fourteenth Century, Boston/Leiden 2007 (= Brill's Companions to the Christian Tradition, 7), 493-543; Stephen F. Brown, "The Early Carmelite Parisian Masters", in: Kent Emery (Hg.), Philosophy and Theology in the 'Studia' of the Religious Orders and at Papal and Royal Courts, Turnhout 2012, 479-491. Noch immer nützlich ist Bartolomé M. Xiberta, "De magistro Johanne Baconthorp, O. Carm.", in: Analecta Ordinis Carmelitarum 6 (1927), 3-128. Einen konzisen Abriss des geistigen Lebens der Karmeliter liefert Szymon Sułecki, The Library of the Carmelite Monastery at Piasek in Cracow, Rom 2018 (= Textus et Studia Historica Carmelitana, 45), 49-56.

14 Vgl. Ralf Lützelschwab, "The Neglected Carmelites: Evidence for Their Preaching Activities in Late Medieval Germany", in: Veronica O'Mara und Patricia Stoop (Hg.), Circulating the Word of God in Medieval and Early Modern Europe: Catholic Preaching and Preachers across Manuscript and Print (c. 1450 to c. 1550), Turnhout 2023 (= Sermo, 17), 313-339. Vgl. zur Mainzer Ordensbibliothek Annelen Ottermann, Die Mainzer Karmelitenbibliothek: Spurensuche – Spurensicherung – Spurendeutung, 2., überarbeitete Auflage, Berlin 2018 [zuerst 2016] (= Berliner Arbeiten zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft, 27).

15 Im dominikanischen Umfeld entstanden groß angelegte Predigt- und Exempelsammlungen wie die von Eudes de Châteauroux, Hugo de Saint-Cher oder Jacobus de Voragine; vgl. Sabine von Heusinger, "Ketzerverfolgung, Predigt und Seelsorge – die Dominikaner in der Stadt", in: Sabine von Heusinger (Hg.), Die deutschen Dominikaner und Dominikanerinnen im Mittelalter, Berlin/Boston 2017 (= Quellen und Forschungen zur Geschichte des Dominikanerordens, 21), 3-20. In den ältesten dominikanischen Konstitutionen heißt es zur raison d'être des Ordens: "[…] cum ordo noster specialiter ob predicationem et animarum salutem ab initio noscatur institutus fuisse […]", in: Antoninus H. Thomas, De oudste Constituties van de Dominicanen: Voorgeschiedenis, tekst, bronnen, ontstaan en ontwikkeling (1215–1237), Leuven 1965 (= Revue d'histoire ecclésiastique, Bibliothèque, 42), 311.

16 Etwas vom Reichtum der Quellengattung mögen nachstehende Zahlen widerspiegeln: Johann Baptist Schneyers gedrucktes Repertorium (siehe hierzu Anm. 17) umfasst rund 60.000 lateinische Predigten für den Zeitraum 1150 bis 1350. Die Anzahl der erhaltenen lateinischen Predigten für die folgenden 150 Jahre bis 1500 ist trotz der internetgestützten Fortsetzung des Schneyer'schen Repertoriums nicht bezifferbar. Im Bereich der deutschen Predigten sind gut 850 Beispiele für den Zeitraum 1170 bis 1230 erhalten, während sich für das späte Mittelalter aufgrund der Quellenfülle keinerlei belastbare Aussagen treffen lassen. Ähnliches gilt für die Situation in Frankreich, wo rund 1.000 volkssprachliche Predigten im Zeitraum 950 bis 1300 erhalten geblieben sind. Sicheres Terrain betritt man mit Blick auf England und die Niederlande, für die zuverlässige Repertorien vorliegen: Verzeichnet sind hier 1.480 mittelenglische und 12.574 niederländische Predigten bis 1500. Vgl. zur Statistik Ralf Lützelschwab, "Ficta? Die Karmeliter, das Wissen um die eigenen Ursprünge und die Verarbeitung im Medium der Predigt", in: Angelika Kemper und Christian Domenig (Hg.), Wissen in mittelalterlichen Gemeinschaften. Diskurse – Ideale – soziale Räume, Berlin/Brüssel 2022, 175-203: 185.

17 Johann Baptist Schneyer, Repertorium der lateinischen Sermones des Mittelalters für die Zeit von 1150–1350, 11 Bde., Münster 1969‒1995, Bd. 3, S. 432; zur Fortsetzung s. Ludwig Hödl, "J. B. Schneyer, Repertorium der lateinischen Sermones des Spätmittelalters", in: Scriptorium 53 (1999), 145-159.

18 Vgl. Marc Dykmans, "Jean XXII et les Carmes: la controverse de la vision", in: Carmelus 17 (1970), 151-192, lateinische Edition der Predigt 163-192; vgl. zur Auseinandersetzung um die visio beatifica Christian Trottmann, La vision béatifique des disputes scolastiques à sa définition par Benoît XII, Rom 1995 (= Bibliothèque des Écoles françaises d'Athènes et de Rome, 289). Dykmans charakterisiert den bischöflichen Prediger als "un hoplite aux phrases lourdes, malgré une faconde bien mériodionale"; Dykmans (1970), 160.

19 Corpus constitutionum ordinis fratrum Beatissimae Virginis Mariae de Monte Carmelo, Bd. 1: 1281‒1456, hg. v. Edison R. L. Tinambunan, Rom 2010, darin: Corpus constitutionum, 1281 (rubr. XIX: "De confessionibus fratrum"): "Nec etiam aliquis coram secularibus presumat predicare nisi licentiatus et examinatus a priore generali vel in capitulo provinciali, sub poena gravioris culpe". Wiederholt wurde die Verfügung in 1294 (rubr. XV: "De confessionibus et qui possunt confessiones audire et predicare") und 1369 (rubr. IX: "De confessionibus et predicacionibus"); s. S. 66, 91, 351.

20 Thomas Kaeppeli, Scriptores Ordinis Praedicatorum Medii Aevi, 4 Bde., Rom 1970‒1993; Adolar Zumkeller, Manuskripte von Werken der Autoren des Augustiner-Eremitenordens in mitteleuropäischen Bibliotheken, Würzburg 1966 (= Cassiacum, 20).

21 Richard Copsey, Biographical Register of Carmelites in England and Wales 1240‒1540, Faversham 2020.

22 Kritische Edition durch Adrien Starring, "Nicolai Gallici Prioris Generalis, Ignea Sagitta", in: Carmelus 9 (1962), 237-307; vgl. auch Richard Copsey, "The Ignea Sagitta and Its Readership: a Re-Evaluation", in: Carmelus 46 (1999), 166-173; Kevin Alban, "The Ignea Sagitta and the Second Council of Lyons", in: Evaldo Xavier Gomes et al. (Hg.), The Carmelite Rule, 1207–2007. Proceedings of the Lisieux Conference, 4–7 July 2005, Rom 2008, 91-112; Ralf Lützelschwab, "At Home in a New World? Carmelite Preaching and the Loss of Religious Identity", in: Timothy J. Johnson, Katherine Wrisley Shelby und John D. Young (Hg.), Preaching and New Worlds. Sermons as Mirrors of Realms Near and Far, Abingdon/New York 2019, 101-120.

23 Xiberta (1928), 77.

24 Vgl. Nick Holder, The Friaries of Medieval London from Foundation to Dissolution, Woodbridge 2017, 97-128.

25 Holder (2017), 118.

26 Vgl. Lützelschwab (2019), 118-120.

27 Benedikt Zimmermann, "Les Carmes humanistes", in: Études carmélitaines 20 (1935), 19-93.

28 Smet (1988), Kap. VIII: "Carmel and the Renaissance", 125-153.

29 Vgl. hier nur Alessandro Guidotti, "Fatti, arredi e corredi carmelitane a Firenze", in: Luciano Berti (Hg.), La Chiesa di Santa Maria del Carmine a Firenze, Florenz 1992, 21-56; Alessandro Salucci, Masaccio e la Cappella Brancacci. Note storiche e teologiche, Florenz 2014.

30 Zimmermann (1935), 20.

31 Vgl. John W. O'Malley, Praise and Blame in Renaissance Rome. Rhetoric, Doctrine, and Reform in the Sacred Orators of the Papal Court, c. 1450‒1521, Durham, NC 1979; Stefano Benedetti, Ex perfecta antiquorum eloquentia: oratoria e poesia a Roma nel primo Cinquecento, Rom 2010.

32 Archivio di Stato di Firenze, Convento soppresso 113, 19, fol. 370v.

33 Archivio di Stato di Firenze, Convento soppresso 113, 17, fol. 62r-69v. Vgl. Leonardo Perini, "L'inventario dei codici di S. Maria del Carmine di Firenze del 1461", in: A Giuseppe Ermini, Spoleto 1969 (= Studi medievali. Supplementum, 10), 461-561.

34 Sie waren nach Sachthemen geordnet (Sentenzenkommentare, Quodlibeta, Rechtsliteratur, Aristoteles und Kommentare, Bibel und Bibelkommentare, zuletzt Predigten). Nur 19 Codices, die 1461 Erwähnung fanden, sind heute noch als existent nachweisbar, was auch daraus resultieren könnte, dass die alten Codices sukzessive durch Druckausgaben ersetzt wurden. Diese außerordentlich hohe Verlustrate kann jedenfalls nicht mit dem Brand von 1771 zusammenhängen, der zwar die Kirche in großen Teilen zerstörte, die Bibliothek selbst aber nicht erreichte. Lediglich die im Chor verwahrten (liturgischen) Handschriften fielen damals dem Feuersturm zum Opfer.

35 Perini (1969), 546, Anm. 82 (eigene Hervorhebung).

36 Vgl. Antoine Dondaine, "La vie et les œuvres de Jean de San Gimignano", in: Archivum Fratrum Praedicatorum 9 (1939), 128-183: 137.

37 Smet (1988), 125.

38 Vgl. zu seiner Biografie Smet (1988), 136-141; Emanuele Boaga, "Spagnoli, Battista", in: Emanuele Boaga und Luigi Borriello (Hg.), Dizionario Carmelitano, Rom 2008, 821; Craig William Kallendorf, "Battista Mantovano (Battista Spagnoli)", in: Oxford Bibliographies Online, DOI: https://doi.org/10.1093/OBO/9780195399301-0341 (Zugriff am 25. Oktober 2025).

39 Vgl. zum Lobpreis durch Zeitgenossen Wilfred P. Mustard, The Eclogues of Baptista Mantuanus, Baltimore 1911, 30-34.

40 Zimmermann (1935), 72-85.

41 Battista Spagnoli, Alfonsus, studio sul poema con edizione critica, traduzione e commento del primo libro, hg. v. Daniela Marrone, Verona 2013, VI. Jüngst waren die Eklogen Gegenstand einer Neuedition, vgl. Battista Mantovano, Adolescenza: divisa in ecloghe, hg. v. Andrea Severi, Neapel 2021 (= Umanesimo e Rinascimento, 12); vgl. zu den Eklogen insgesamt Anne Bouscharain, La poétique de Battista Spagnoli de Mantoue (Bucoliques, Silves, Parthenices) et sa réception en France au XVIe siècle, Paris 2003; Renata Fabbri, "Le ecloghe di Battista Spagnoli il Mantovano", in: Paolo Viti (Hg.), Letteratura, verità e vita. Studi in ricordo di Gorizio Viti, Rom 2005, 254-256; Anne Bouscharain, "La poésie pastorale chez le Mantouan. L'Adulescentia, création d'une Arcadie chrétienne", in: Caroline Heid, Marc Deramaix und Olivier Pédeflous (Hg.), Le Profane et le sacré dans l'Europe latine (Ve‒XVIe siècles), Paris 2020, 285-291.

42 Vgl. John D. Alsop, "The Sixth Eclogue of Baptista Mantuan and the Elizabethan Poet Barnabe Googe", in: Cahiers Élisabéthains 25 (1984), 1-8; Klaus Fetkenheuer, "Hungernde Dichter, unwillige Mäzene. Baptista Mantuanus' Ekloge V und die römische Satire", in: Philologus 156 (2012), 310-327. Eine Überblicksdarstellung mittellateinischer Bukolik liefert Margarethe Stracke, Klassische Formen und neue Wirklichkeit. Die lateinische Ekloge des Humanismus, Gerbrunn 1981.

43 Vgl. Lee Piepho, "Mantuan and Religious Pastoral. Unprinted Versions of His Ninth and Tenth Eclogues", in: Renaissance Quarterly 39 (1986), 644-672. Aus dieser Zeit stammen auch Battista Spagnolis vor Innozenz VIII. und der Kurie gehaltene Allerheiligenpredigt (1488) und sein überaus erfolgreicher Traktat De clamantibus temporum, beide (zumindest in Teilen) von Angriffen auf das als degeneriert empfundene, korrupte Papsttum geprägt.

44 Vgl. hierzu die treffende Aussage zu Petrarcas Bucolicum carmen von Morris Bishop, Petrarch and His World, London 1964, 242: "The allegory in the Eclogues is so thick, that as Petrarch proudly proclaims, they are totally incomprehensible without the author's key. Following medieval doctrine, he believed in the poetic value of allegory".

45 Piepho edierte die zehnte Ekloge anhand von BAV, ms. Ottobon. lat. 2280, foll. 171-173; Piepho (1986), 655-658 (lateinische Edition), 658-661 (englische Übersetzung).

46 Piepho (1986), 657: "Ferte per antiquos primum vestigia gressus / Et veteres servate vias: Laudata parentum Pascua / laudati fontes […]."

47 Piepho (1986), 658: "Observate primum leges, revocate vagantes. Per valles per saxa greges, per lustra ferarum. / Figite in Antiquis iterum magalia Campis." (Meine Übersetzung).

48 Den besten Überblick zur Geschichte der Mantuaner Reformkongregation liefert Ludovico Saggi, La congregazione mantovana dei Carmelitani sino alla morte del B. Battista Spagnoli (1516), Rom 1954; vgl. auch Coralie Zermatten, "The Carmelite Rule", in: Krijn Pansters (Hg.), A Companion to Rules and Customaries, Leiden/Boston 2020 (= Brill's Companions to the Christian Tradition, 93), 367-392: 375-385.

49 Vgl. Gwenda Echard, "The 'Eclogues' of Baptista Mantuanus: a Mediaeval and Humanist Synthesis", in: Latomus 45 (1986), 837-847.

50 Mustard (1911), 94, Anm. vi, ll. 182-186: "[…] verum dementior istis / naturam quicumque Dei scrutatur et audet / figere in immensam lumen tam debile lucem./ nostra fides melior. Civis ratione coactus / difficile assentit".

51 Vgl. zur Ordensspiritualität im späten Mittelalter Otger Steggink, "Il Carmelo e la devotio moderna", in: Dizionario Carmelitano (2008), 826-828.

52 Vgl. Carlo Delcorno, "Dal 'sermo modernus' alla retorica 'borromea'", in: Lettere italiane 39 (1987), 465-483.

53 Abgedruckt ist sie bei Benedikt Zimmermann, "B. Baptistae Mantuani opera soluta oratione scripta hucusque inedita", in: Analecta Ordinis Carmelitarum Discalceatorum 7 (1932), 163-208: 168-173.

54 Zimmermann (1932), 168: "Duo nobis sese offerunt quorum alterum extolli predicarique oportet: Sacerdotium videlicet et sacerdos".

55 Zimmermann (1932), 168: "Non de specie sed de individuo dicemus".

56 Zimmermann (1932), 169: "Tria sunt que ad unguendum sacerdotem convenire oportet, etas, mores et scientia".

57 Zimmermann (1932), 170: "Verbi Dei magis factor quam predicator, cum tamen uterque sit magis exemplo quam verbo loquens".

58 Zimmermann (1932), 171-172: "Multa audiens, pauca loquens. Novit enim duas nobis aures, unam tamen linguam attributam, ut plura audiamus quam loquamur. […] Intentissime et constanter verba ponderat, sensum penetrat, nichilque intactum omittit".

59 Vgl. Cécile Caby, "Sienne, 15 août 1462. Prédication en chapitre, ordres mendiants et villes dans l'Italie du Quattrocento", in: Bullettino dell'Istituto storico italiano per il medio evo 123 (2021), 339-395.

60 Vor diesem Hintergrund würde eine Analyse der oratio lohnen, die der junge Mantuanus 1477 vor dem Ordensgeneral der Augustineremiten in Bologna hielt. Überliefert ist sie unter dem Titel Oratio eiusdem Baptistae Mantuani Carmelite habita anno do. 1476 [verius 1477] in adventu reverendissimi patris generalis ordinis Heremitarum sancti Augustini sacre theologie professoris magistri Ambrosii Coroliani, cum a theologis Bononie de more visitaretur, in: Zimmermann (1932), 176-185.

61 So können sich in einem einzigen Satz gleich sechs Komparative finden; vgl. Zimmermann (1932), 169: "grandior", "maior", "elegancior", "sapiencior", "policior", "limacior".

62 Zimmermann (1932), 170: "Plus anime quam corpori, minus luxurie quam necessitati, plus racioni quam appetitui tribuens".

63 Battista Spagnoli bekleidete das Generalpriorenamt in den Biennien 1483 bis 1485, 1489 bis 1491, 1495 bis 1497, 1501 bis 1503, 1507 bis 1509 und 1513 bis 1516 (zuletzt in Personalunion mit dem Generalat über den Gesamtorden). Die Frage, wie die Ansprache zu datieren sei, ist nur unter Vorbehalt zu beantworten. In Brixen fand bereits 1467 ein Generalkapitel statt, auf dem der Mantuanus als gerade erst in den Orden Eingetretener sicherlich nicht gepredigt haben wird, dazu fehlten schlicht Autorität und Erfahrung. Im Text wird darüber hinaus auf die Erfolgsschrift De beata vita Bezug genommen, die zum ersten Mal 1474 gedruckt wurde. Auch die Titulatur des Predigers liefert Rückschlüsse auf die Datierung: Die Magisterwürde erhielt Battista Spagnoli erst 1475, das heißt, die Ansprache kann erst danach entstanden sein. Generalkapitel in Brixen fanden erneut in den Jahren 1493 und 1503 statt. Da in der Titulatur der Verweis auf die Generalpriorenwürde unterbleibt, ist hier wohl die oratio auf dem Generalkapitel des Jahres 1493 gemeint.

64 Zimmermann (1932), 198-208.

65 Der Mantuanus will seine "bescheidenen" Fähigkeiten "pro utilitate, pro honore et salute reipublicae nostrae" zur Entfaltung bringen; Zimmermann (1932), 199. Noch einmal, am Ende der oratio, wird auf die "res publica" und ihre in der Tradition verankerten Grundlagen verwiesen: "Quam per dominum immortalem vos oro atque obtestor, patres carissimi, ut vos in consilium adhibeatis collectisque animi viribus ea excogitetis que in honorem et salutem reipublice resultent, ne ab optimis parentibus degenerare videamur. Et res nostras non solum tueamur sed augeamus ut possimus et vita et moribus et doctrina inter alios numerari. Hec nostra radix, hec nostrum est fundamentum", Zimmermann (1932), 207-208.

66 Zimmermann (1932), 199.

67 Zimmermann (1932), 201.

68 Viele ungenannte Karmeliter hätten, so Battista Spagnoli, größere Siege als Hannibal, Alexander oder gar Scipio davongetragen, weil "maius enim est anime quam corporis, invisibiles quam visibiles hostes vincere" – und sollte danach gefragt werden, um wen genau es sich dabei handele, so genüge ein Verweis auf die Größten unter ihnen, auf Elias, Eliseus, Rechab "et omnes quos antiqua lex prophetarum filios nominat"; Zimmermann (1932), 201.

69 Zimmermann (1932), 202: "Si ergo primo modo sumimus idcirco vestibus albis utimur ut Heliam imitemur. Si secundo modo ut nos esse illius successores indicemus qui primus candorem id est virginitatem custodivit".

70 Zimmermann (1932), 203: "Nam si Romani ab Enea, si Patavini quod ab Anthenore, si Mantuani quod ab Ocno, qui alio nomine vocatus est bianor, principium habuerint, iuste letantur, quanto magis nos placere nobis debemus quod ab his quos ante dixi prophetis exorti sumus". Vgl. allgemein zur Historiografie (prä-)humanistischer Couleur Rino Modonutti, "L'enciclopedismo storiografico in Italia negli anni del preumanesimo", in: Francesco Montorsi und Fanny Maillet (Hg.), Les chroniques et l'histoire universelle. France et Italie (XIIIe‒XIVe siècles), Paris 2021, 279-299.

71 Zimmermann (1932), 205: "Et quoniam (ut predictum est) alios omnes vetustate superamus, et quia omnia humana longo senio cadunt vel saltem debilitantur, paulo prolapsi eramus; at nunc iterum resurgimus, restauramur, erigimur".

72 Die wohl 1505 in Zusammenhang mit der Kardinalskreation von Sigismondo Gonzaga, dem Kardinalprotektor der Karmeliter, entstandene Schrift findet sich abgedruckt in Battista Spagnoli, Ultima pars operis, hg. v. Étienne de Basignana, Lyon: Bernardi Lescuyer 1516, cc. F8r-g7r.

73 Zimmermann (1932), 205.

74 Zimmermann (1932), 205. Zu Soreth vgl. Giovanni Grosso, Il b. Jean Soreth, priore generale, riformatore e maestro spirituale dell'ordine carmelitano, Rom 2007 (= Textus et Studia Historica Carmelitana, 27).

75 Zimmermann (1932), 206.

76 Zimmermann (1932), 206.

77 Zimmermann (1932), 207: "Accedendum est igitur ad rhetoricam que nobis quasdam cavillaciones et dicacitates lepidissimas et modico sale profusas exhibeat; quibus audiendo delectatur, et delectando facile se vinci paciatur auditor. In quo finis existit oratoris".

78 Für die Florentiner Karmeliter ließe sich eine Arbeit zum Einfluss ihrer Predigten auf das Stadtregiment beim derzeitigen Wissensstand nicht schreiben, anders als etwa für die Dominikaner; vgl. Delphine Carron, "Influences et interactions entre Santa Maria Novella et la Commune de Florence. Une étude de cas: les sermons de Remigio de' Girolami (1295‒1301)", in: Johannes Bartuschat, Elisa Brilli und Delphine Carron (Hg.), The Dominicans and the Making of Florentine Cultural Identity (13th‒14th Centuries) / I domenicani e la costruzione dell'identità culturale fiorentina (XIII‒XIV secolo), Florenz 2020, 53-68.